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Eine kurze Einführung zu J. R. R. Tolkiens Sprachen und Schriften
John Ronald Reuel Tolkien hat nicht nur eine umfangreiche Fantasiewelt erschaffen, in der die wichtigsten und berühmtesten seiner Geschichten beheimatet sind: Der Hobbit, Der Herr der Ringe und Das Silmarillion,. Er erfand auch mehr als ein Dutzend Sprachen, die alle zu einem unterschiedlichen Grad ausgearbeitet sind; sowie mehrere neuartige Schriften.
Stellenwert und Umfang
Tolkiens erfundene Sprachen sind mit der Erschaffung seines Legendariums eng verbunden und verleihen ihm die meisten seiner Eigennamen. Dennoch stellen sie in hohem Maße eigenständige Kreationen zum Vergnügen ihres Schöpfers dar, während die Geschichten erst danach die Rahmen ihrer Entwicklung setzten. Tolkien bestand darauf, wie man in seinen Briefen lesen kann (die Nummerierung erfolgt gemäß der Ausgabe von Humphrey Carpenter):
“[my fiction is] so to speak an attempt to give a background or a world in which my expressions of linguistic taste could have a function. The stories were comparatively late in coming.”
– Brief Nr. 163.
“my work (...) is all of a piece, and fundamentally linguistic in inspiration. (...) The invention of languages is the foundation. The ‘stories’ were made rather to provide a world for the languages than the reverse. To me a name comes first and the story follows. I should have preferred to write in ‘Elvish’. (...) It is to me, anyway, largely an essay in ‘linguistic æsthetic’, as I sometimes say to people who ask me ‘what is it all about?’.”
– Brief Nr. 165.
“It has been a considerable labour, beginning really as soon as I was able to begin anything, but effectively beginning when I was an undergraduate and began to explore my own linguistic æsthetic in language-composition. It was just as the 1914 War burst on me that I made the discovery that ‘legends’ depend on the language to which they belong; but a living language depends equally on the ‘legends’ which it conveys by tradition.”
– Brief Nr. 180.
Diese Aussagen muss man jedoch mit Vorsicht nehmen: Es erscheint aus Tolkiens Lebensgeschichte und Briefen klar genug, dass sein Erzählwerk gleichermaßen seinem Interesse an Mythologie und Märchen, seinem katholischen Glauben und seiner Arbeit als Philologe und Spezialist des englischen Mittelalters viel verdankt. Dennoch veranschaulichen diese Zitate die für ihn große Bedeutung seiner erfundenen Sprachen. In dem Aufsatz Ein heimliches Laster, bei dem es sich um eine Niederschrift eines Vortrags aus dem Jahre 1931 handelt, die posthum in der Sammlung Die Ungeheuer und ihre Kritiker: gesammelte Aufsätze veröffentlicht worden ist, erforscht und erklärt Tolkien die Natur seines Interesses. Er betont insbesondere das Vergnügen, welches man bei der Zusammenführung einer Lautgestalt mit einer Bedeutung persönlich empfindet, als auch die Harmonie, die man aus diesen Vorzügen schöpfen kann: Er vergleicht sie mit einer „privaten Symphonie“. Seine erfundenen Sprachen kann man für eine übersteigerte Form der Sprache in ihrer poetischen Funktion halten, d.h. die Bearbeitung der eigentlichen Botschaft unabhängig von dem Inhalt.
Sprachenverzeichnis
Im jungen Alter erfand Tolkien zusammen mit anderen Kindern seines Umfelds zwei „Geheimsprachen“, Animalisch und Nevbosh. Kinder vergnügen sich mit solchen Sprachspielen gar nicht so selten (vielleicht erinnert sich ja unserer Leser sogar daran, bei ähnlichem mitgemacht zu haben), aber J. R. R. Tolkien würde das Spiel sein ganzes Leben lang weiterführen und es unvergleichbar verfeinern. Zunächst erfand er Naffarin, schon lange bevor er begann, sein Legendariums zu gestalten, welches in der Folgezeit alle seine künftigen Sprachschöpfungen enthalten sollte.

Zwei von diesen Sprachen nehmen eine Sonderstellung ein und veranschaulichen Tolkiens stetige Fortentwicklung zweier unterschiedlicher ästhetischer Formen. Die erste ist Quenya (lange Qenya geschrieben): Es wurde von Finnisch, Latein und Griechisch inspiriert, und ist die klassische Sprache seiner Fantasiewelt schlechthin - die Sprache von Valinor, dem Segensreich jenseits des Meers. Die andere wurde größtenteils von Walisisch, und in geringerem Maße von den germanischen Sprachen inspiriert. Sie bringt Tolkiens sogenannten „Hauch des Nordwestens“ (gemeint ist sprachliche Atmosphäre Nordwesteuropas) zum Ausdruck, und hat in Folge Gnomisch oder Goldogrin, dann Noldorin, dann schließlich Sindarin geheißen. In dieser letzten Gestalt ist es die Sprache der Grauelben von Beleriand und wird später zur gebräuchlichsten elbischen Sprache Mittelerdes. Tolkien fing mit der Arbeit an ihnen um das Jahr 1915 an, und führte sie bis zu seinem Tod im Jahre 1973 fort. Wir verfügen über eine Menge von (meistens unvollständigen) Dokumenten über ihre Lautlehre, Grammatik und Wortschatz, sowie eine beträchtliche Anzahl von Texten.

Andere Sprachen sind nur umrissen: Wir kennen mehr oder weniger die Lautlehre, ein bisschen von der Grammatik und dem Wortschatz, und haben manchmal ein paar Texte. Diese sind:
Schließlich werden manche Sprachen im Legendarium nur erwähnt: Hier wissen wir gewöhnlich kaum mehr als um deren bloße Existenz und kennen höchstens ein paar Wörter. Das ist der Fall für die Sprachen der Avari-Elben; für die Sprachen mehrerer Menschenvölker außer den Dúnedain; für die Sprache der Ents; für mehrere Dialekte der Orks und anderer übler Wesen, wie der Warge oder der riesigen Spinnen des Düsterwalds. Bei ihnen stellt sich eher das Ziel, der Geschichte Tiefe zu verleihen, als eine Sprache tatsächlich auszuarbeiten.
Quellen und Methoden
Die erfundenen Sprachen treten in den Geschichten meistens in Form von Eigennamen sowie einigen Äußerungen und Gedichten auf. Wahre sprachliche Angaben werden typisch in Anhängen geliefert: So ist es in dem Herrn der Ringe und dem Silmarillion. Christopher Tolkien, J. R. R. Tolkiens dritter Sohn und literarischer Nachlassverwalter, hat in der Folgezeit einige wichtige Dokumente veröffentlicht, und zwar in der Buchreihe The History of Middle-earth. Ihr Ziel es ist, die Entwicklung des Legendariums durch seine zwischenzeitlichen Entwürfe zu veranschaulichen. Die anderen unveröffentlichten sprachbezogenen Unterlagen erscheinen allmählich in den Zeitschriften Parma Eldalamberon und Vinyar Tengwar dank dem Team der Elvish Linguistic Fellowship (einer Fachgruppe der Mythopoetic Society, eines amerikanischen Vereins), das aus Christopher Gilson, Carl Hostetter, Patrick Wynne, Arden Smith und Bill Welden besteht. Christopher Tolkien hat es ihnen übergelassen, seines Vaters Manuskripte herauszugeben. Es sind schwierige Dokumente: Entwürfe, die J. R. R. Tolkien nur für sein eigenes Lesen bestimmte, so dass die Darstellung oft unklar bleibt, die Formulierungen mehrdeutig. Um sie gänzlich zu verstehen, braucht man gute Vorkenntnisse auf dem Gebiet.

Tolkien hat seine Sprachen sein ganzes Leben lang immer wieder fortentwickelt. Offenbar interessierte es ihn nicht, nützliche Kommunikationsmittel daraus zu machen; viel lieber machte er sich Gedanken über deren Struktur, Ästhetik und fiktive Entwicklung. Als guter Philologe, der am Anfang des 20. Jahrhunderts zur Blütezeit der sprachwissenschaftlichen Schule der Junggrammatiker seine Bildung erhielt, betrachtete er sie fragmentweise und grundsätzlich aus einer historischen Perspektive. Außerdem überarbeitete und gestaltete er sie immer wieder um, über einen Zeitraum von fast 60 Jahren hinweg, auch wenn gewisse Züge im Laufe der Zeit ziemlich unverändert blieben. Man muss also beim Studieren jeder seiner Sprachen zwei historische Verläufe betrachten: die äußere Geschichte, also die Entwicklung von Tolkiens Anschauungen im Laufe seiner Lebenszeit; und die innere Geschichte, also die historische Entwicklung der Sprachen in der Fantasiewelt selbst, zu der sie gehören.

Hieraus folgt auch, dass man keine seiner Sprachen für vollständig oder vollendet halten kann: Anstatt eines eindeutigen Sprachsystems an einem klaren Zeitpunkt sind sie ein Puzzle von unvollständigen, sich oft wiederholenden und manchmal widersprechenden Ideen. Man kann sie also nicht unmittelbar gebrauchen, um neue Texte zu verfassen – das gilt sogar für die zwei am besten bekannten, Quenya und Gnomisch-Noldorin-Sindarin. Für eine praktische Benutzung muss man (mit einer gewissen Willkür, was sich nicht vermeiden lässt) eine Norm festlegen, indem gewisse Konzeptionen gegenüber anderen, die ihnen widersprechen würden, den Vorzug bekommen; und Erweiterungen die Lücken schließen. Im engeren Sinne heißt das, dass man nur ein „Neo-“ oder „Neuelbisch“ verwenden kann, und nicht Tolkiens unverfälschte Schöpfung, da er diese dafür eher nicht vorgesehen hat. Dennoch gibt es genug Stoff in Quenya und (mit mehr Schwierigkeiten) in Sindarin, um Neo-Sprachen zu bauen, die sowohl vollständig, als auch nah genug an Tolkiens Werken bleiben, und es erlauben, viele Arten von Texten zu schreiben. Und es fehlt nicht an Enthusiasten, die dieses auch ausprobieren, am liebsten was Dichtung angeht.
Die Schriften
Tolkien interessierte sich auch für Schriftsysteme. Für einen Philologen ist es ganz natürlich, da die Studie und Deutung von alten Texten oft Kenntnisse von Paläografie benötigt – der Lehre vom Lesen und Entziffern alter Schriften. Gelegentlich gebrauchte Tolkien selbst solche alten Schriften, zum Beispiel angelsächsische Runen auf der ersten Seite und auf Thrórs Karte im Hobbit. Er ging aber weiter und erschuf andere Schriften für sich selbst, insbesondere um damit in sein Tagebuch zu schreiben. Zwei dieser Schriften sind in seinen Werken sofort zu erkennen: die Zeichen von Fëanor (tengwar auf Quenya und tîw auf Sindarin) und die elbischen Runen (certar auf Quenya und cirth auf Sindarin). Sie erscheinen im Herrn der Ringe, die erstere als Inschrift auf dem Einen Ring, die zweitere auf Balins Grab. Der Anhang D erwähnt eine dritte Schrift: die Zeichen von Rúmil oder sarati. Tolkien experimentierte auch mit anderen, dem breiten Publikum kaum bekannten Schriften, wie dem Goblinalphabet, den Gondolin-Runen, der Valmarischen Schrift und diversen Schriftsystemen, die den Tengwar vorausgingen: Quenyatisch, Falassin, Noriak, usw.

Die Schriften sind mit dem Legendarium nicht so eng verbunden wie die Sprachen; die Textauswahl ist reichhaltig und die Mehrheit ist auf Englisch. Alle Schriften sind Alphabete oder Alphasyllabare. Wie im Mittelalter enthalten sie oft eine Reihe von Diakritika, Ligaturen und Abkürzungen, um Platz zu sparen. In den Tengwar und Cirth, die am umfassendsten ausgearbeitet sind, findet sich eine regelmäßige Korrespondenz zwischen Lauten und den Zeichen, die sie darstellen.

Quellenangabe
Carpenter, Humphrey. J. R. R. Tolkien: a Biography. London: HarperCollins, 1977. 384 p. ISBN 0-00-713284-0.
Carpenter, Humphrey. J. R. R. Tolkien: eine Biographie. Übersetzung von Wolfgang Krege. 2. Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta, 2001. 323 S. ISBN 3-608-93431-6.
Tolkien, John Ronald Reuel. The Letters of J. R. R. Tolkien. Selection edited by Humphrey Carpenter with assistance by Christopher Tolkien. London: HarperCollins, 2006. 480 p. ISBN 0-261-10265-6.
Tolkien, John Ronald Reuel. Briefe. Auswahl und Herausgabe von Humphrey Carpenter mit der Hilfe von Christopher Tolkien. Übersetzung von Wolfgang Krege. Stuttgart: Klett-Cotta, 2002. 602 S. ISBN 3-608-93650-5.
Tolkien, John Ronald Reuel. The Monsters and the Critics and Other Essays. Edited by Christopher Tolkien. London: HarperCollins, 2006. 256 p. ISBN 0-261-10263-X.
Tolkien, John Ronald Reuel. Die Ungeheuer und ihre Kritiker: gesammelte Aufsätze. Herausgabe von Christopher Tolkien. Übersetzung von Wolfgang Krege. Stuttgart: Klett-Cotta, 1987. 262 S. ISBN 3-608-95257-8.
Parma Eldalamberon: The Book of Elven-tongues. Edited by Christopher Gilson. Cupertino (California): 1971-  . 🌍 Eldalamberon.
Vinyar Tengwar: The journal of the Elvish Linguistic Fellowship, a Special Interest Group of the Mythopoeic Society. Edited by Carl F. Hostetter. Crofton (Maryland): 1988-  . ISSN 1054-7606. 🌍 The Elvish Linguistic Fellowship.

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